Nio und seine Abenteuer

Für kleine und grosse Heimwehbündner - als therapeutische Dosis zwischendurch oder als Gutenachtgeschichte.


Der kleine Schneemann Nio macht Sommerferien. Voller freut wartet er auf den  erste Schnee im kommenden Herbst. Dann gibt es bestimmt weitere Abendeuter von Nio und Annina! 


54 | 888 - Verfahren

Annina setzt Nio in sein geliebtes Eisfach. Noch bevor sie die Eisfachtür schliessen kann, greift Nio nach einem Eiswürfel und hält diesen Annina: „Himbeersirup - per plaschair - bitte!“ „Also gut, weil du es bist!“, lacht Annina und bevor sie die Tür schliesst, gibt sie ein paar Tropfen Sirup auf den Eiswürfel.

Zufrieden und verträumt knabbert Nio an seinem süssen Eiswürfel, während er in Gedanken die Wolken am blauen Himmel über dem Engadin zählt. „Flugzeuge haben einen Autopiloten. Autos haben ein Navi und Schiffe einen Sextanten…“, brummt Blubb vor sich hin. Nio schaut kurz auf und betrachtet die Luftblasen, die Blubb auf der Fischstäbchen Packung nach oben steigen lässt. Weiter denkt er sich nichts dabei. „Aber warum um Himmelswillen und Meeresdonnern hat sich Christoph Columbus so verfahren?“

Nio rückt sich seine Mütze zurecht und erwidert „Columbus hat sich nicht verfahren!“ „Doch, hat er sich!“, besteht Blubb eigensinnig auf seiner Feststellung und ergänzt „Er wollte nach Indien und ist voll auf Amerika drauf gefahren! Das macht doch nur ein unachtsamer Seefahrer!“ Nio schüttelt ratlos seinen kleinen Kopf und erklärt: „Als Columbus in Spanien losfuhr, wusste noch niemand, dass es Amerika gab!“

Kaum hat Nio das ausgesprochen, verschluckt sich Blubb an einer seiner Luftblasen und stottert: „Da, da, damals gab es Amerika noch nicht?“ „Nun, damals glaubten die Menschen, die Erde sei eine Scheibe und niemand traute sich weiter als bis zum Horizont zu segeln. Christoph Columbus wollte beweisen, dass die Erde eine Kugel ist und hat dabei Amerika entdeckt“.

Nachdem Nio sein Seefahrerlatein zu voller Gänze so ausgebreitet hat, wie eine Meerjungfrau ihre Tischdecke auf einem Korallenbüffet, ist es im Eisfach so still, dass man ein Seepferdchen galoppieren hören könnte. Verunsichert über die Ruhe im Eisfach, will Nio sich räuspern, doch Blubb kommt ihm zuvor: „So, so, die Erde ist rund…“ und Blubb schliesst dabei zufrieden seine Augen.

 

Als nächstes erfährt ihr, wieso Buchstaben leben...


53 | 888 - Dampfkochtopf

Annina nimmt Nio hinüber zur Anrichte und stellt ihn dort neben den Gasherd. Aus dem einen Schrank nimmt sie eine Bratpfanne, aus einem anderen Öl, Paprika und Pfeffer. Annina stellt die Pfanne auf den Herd, gibt Öl hinein und zündet darunter das Gas an. Nios Blick verrät, dass er der Sache nicht traut: „Bist du sicher, dass Spiegeleier so gemacht werden?“

Annina nimmt aus dem Eisschrank ein Ei und zerschlägt dieses schwungvoll auf dem Rand der Pfanne „Bombensicher!“ „Bombensicher ist aber nicht gut!“, und dabei schüttelt Nio ängstlich seinen kleinen Kopf.

„Was soll schon schief gehen?“, beruhigt ihn Annina und schüttet mächtig Pfeffer und Paprika auf ihr Ei. „Weisst du noch, als im Engadin auf dem Holzherd der Dampfkochtopf explodiert ist und mich dabei fast Kartoffeln vom Fensterbrett schossen?“, untermauert Nio seine Bedenken. „Das war ja auch was ganz anderes…“ und um Nio zu beweisen, dass alles in Ordnung ist, nimmt Annina die Bratpfanne, schleudert das Spiegelei hoch, gerade so, dass es einen Salto macht und wieder in der Pfanne landet.

„Traraaaa!“, jubelt Annina und Nio ist sich nicht sicher, ob er staunen oder Angst haben soll. Annina hält Nio die Pfanne mit dem perfekten goldgelben Spiegelei vor die Nase: „Magst du mal probieren?“ Nio betrachtet die Bratpfanne skeptisch: „Also, bevor du mich so herumwirbelst, würde ich doch lieber an einem Eiswürfel knabbern.“


Als nächstes erfährt ihr, wieso Columbus sich verfahren hat…


52 | 888 Spiegel

Eine junge Frau nimmt aus einem Kleinbus auf der gegenüberliegenden Strassenseite einige Kartonschachteln und trägt diese in ein Haus. Nio und Annina betrachten das Geschehen. „Was macht die Frau da?“, will Nio wissen. „Schaut so aus, als ob die Frau hier einzieht." Verständnislos schüttelt Nio seine Kopf und der Bommel an seiner Mütze wippt mit. „Wieso zieht jemand freiwillig in diese Stadt, wenn es so viel schöner im Engadin ist?“ „Du bist lustig…“, erwidert Annina, „wir sind ja auch nur hier, weil Mama in der grossen Stadt eine bessere Arbeit fand.“

Nio stupst Annina an, gerade so, als ob es äusserst eilig ist. „Mach mal schnell das Fenster auf, wir müssen die Frau warnen!“ fährt Nio fort, ohne Annina richtig zu zuhören. „Warnen vor was?“ „Vielleicht weiss die Frau gar nicht, dass das nicht das Engadin ist?“, erklärt sich Nio. „Glaube mir, die Frau weiss ganz genau, wo sie hier einzieht!“

Nervös rückt Nio seine Mütze zurecht: „Bis du sicher?“ „Ganz sicher!“, bestätigt Annina. Als letztes lädt die Frau einen grossen Spiegel mit einem bunten Rahmen aus und trägt diesen behutsam in das gegenüberliegende Haus. „Was für ein hübscher Spiegel…“, entgleitet es Annina, „So einen hätte ich auch gerne!“

Kurz fühlt Annina in sich hinein und ihr Blick wandert zur Küchenuhr „Es ist ja schon Mittag. Zur Feier des Tages könnte ich Spiegeleier kochen.“ Nio schaute Annina verwundert an: „Ich dachte du hast gar keinen Spiegel!“ „Ach Nio, mein Nio! Komm, ich zeige dir, wie Spiegeleier gehen.“


Als nächstes erfährt ihr, wieso Nio kochen nicht mag…


51 | 888 - Hitchcock

Nachdem Annina zu Hause ihre Einkäufe ausgepackt und versorgt hat, setzt sie sich mit einem Glas Milch zu Nio auf das Fensterbrett. Nio knabbert an einem Eiswürfel, welchen Annina mit einem Tropfen Himbeersirup versüsst hat. „Ich wünsche mir zu meinem Geburtstag einen Eisschrank mit Fenster!“, hält Nio ungefragt und mit Nachdruck fest, gerade so, als ob ein Politiker im Wahlkampf eine neue Parole ausgibt.

„Du weisst, wie es sich mit Wünschen verhält?“, fragt Annina mit nüchterner Stimme. „Nein, wie denn?“, erkundigt sich Nio verwundert. „Wünsche können Wünsche bleiben.“ „Das verstehe ich nicht…“, entgegnet der kleine Schneemann konsterniert und Annina erklärt nachsichtig: „Ein Wunsch ist wie ein Traum. Nicht alle Träume gehen in Erfüllung. Leider. Aber so ist das Leben einmal.“

Nio knabbert nachdenklich an seinem Eiswürfel. Dabei schaut er dem Geschehen auf der Strasse unten zu. „Aber wenn Du weg bist, ist es in meinem Eisfach so langweilig“, stellt Nio fest und schiebt nach einer kurzen Pause nach „…und Blubb stellt immer so schwierige Fragen. Mit einem Eisschrank mit Fenster könnte ich sehen, was in der Welt passiert.“

Annina sucht nach tröstenden Worten für Nio, im Wissen, dass Nio wohl nie einen Eisschrank mit Fenster bekommen wird. „Da gibt es einen Film vom Regisseur Hitchcock der heisst ,Das Fenster zum Hof’. Der Film ist eine Persiflage an das Fernsehen. Damals, 1954, war das alles noch eine Sensation. Der Film, wie das Thema. Heute ist Fernsehen so langweilig, dass wir gar keinen Fernseher mehr haben.“ Nio schaut Annina erschrocken an: „Wir haben kein Fernseher?“ „Nein, wieso auch? Wir haben doch uns!“

Nachdenklich nickt Nio: „Vermutlich hast du Recht. Dem Leben nur zuschauen ist auf Dauer langweilig, mitmachen ist spannender.“ Zufrieden darüber, dass Nio den Hintergrund ihrer Geschichte verstanden hat, schnippt Annina mit dem Finger den Pommel von Nios Mütze an „Wo Du Recht hast, hast du Recht!“ Nio lacht verlegen und nach einem kurzen Augenblick fragt er „Was ist eigentlich ein Fernseher?“


Als nächstes erfährt ihr, wie Annina Spiegeleier kocht…